Henning Pawel:
Kolumne im Oktober
Der Oskar soll’s richten
- von Henning Pawel -

 
 

„Der Untergang“, ein zugegeben aufwändiger und massiv beworbener Film, war noch gar nicht richtig angelaufen, da wurde schon der Ruf nach dem Oskar erhoben. Nicht etwa nach Oskar Lafontaine, dessen Untergang im Übrigen weit schlechter inszeniert war. Nein, kein Geringerer als der Oskar Hollywoodscher Herkunft soll dem „Untergang“ nun den Adel der Unvergänglichkeit verleihen. Ob dieser Film solche Ehre verdient, kann bezweifelt werden. Die Gesamtkomposition ist eher einfallslos. Des Führers kleinkarierte Kaffeekränzchen und seine als Lagebesprechungen deklarierten, vom Regisseur recht phantasielos inszenierten Einmannshows sowie die so harm- und hilflos dargestellte Entourage, nicht die einzige ganz offensichtlich falsche Bewertung der letzten Tages Hitlers, das wechselt mit kurzen Schnitten auf Schlachtenszenen, ein paar sterbende Soldaten bzw. solche, denen die Gliedmaßen amputiert werden, heroische SS-Leute und missbrauchte Hitlerjungs. Der Prototyp der Letzteren, vom Führer für seine Tapferkeit noch mit dem EK 1 ausgezeichnet, begreift allerdings am schlechten Schluss noch, für was und wen er seine Haut zu Markte getragen hat, auch das ist eindeutig eine Geschichtsklitterung. Gerade diese armen. missbrauchten Jungen kämpften bis zum schrecklichen Ende und wechselten eben nicht wie im Film so oberflächlich wie verklärt dargestellt, die Sekretärin Hitlers an der Hand, zu den Guten über. Die bestehen unter anderem aus dem Rüstungsminister Hitlers Albert Speer, der in letzter Minute das deutsche Volk und seine Wirtschaft noch retten will, nachdem er in langen Jahren alles getan hat um im Auftrag seines Führers zu vernichten und nochmals zu vernichten. Auch die Generale Keitel, Jodel,  Krebs und so weiter  kommen recht gut weg. Sie stellen im Film lediglich Militärs in einer ausweglosen Lage dar, wie es sie schon immer gegeben hat. Nicht aber das was sie wirklich waren, willfährige Kreaturen eines Massenmörders von ungeheuerlichen Dimensionen, dem sie in einem beispiellosem Kadavergehorsam auch noch in den letzten Tagen Divisionen und Armeen sowie ganze Hekatomben von Zivilisten opfern. Auch ein hoher SS-Arzt, wohl stellvertretend für all die so segensreich wirkenden SS-Ärzte angelegt, im Film der Prototyp eines Humanisten, versucht zu retten, wo nichts mehr zu retten ist und legt sich sogar lebensgefährdend mit Nazistandgerichten an, die nächtens im Räuberzivil umherschleichen und armselige schlotternde Gestalten in die Bäume hängen. 
Der Film basiert zu Teilen auf Erinnerungen von Hitlers Sekretärin Traudel Junge. Diese, eine beeindruckende, noch im Alter schöne Frau hat sich ihr ganzes, späteres Leben auf ehrliche und schonungslose Art und Weise mit ihrer Vergangenheit und Hitler auseinandergesetzt. Von dieser klaren, intelligenten Sicht ist im Film wenig zu erleben. A. M. Lara, die Darstellerin der Traudel Junge, verkörpert ein zwar recht hübsches aber völlig überfordertes Geschöpf, das mit großen, ahnungslosen Augen in der Welt umhersieht. Lara ist niedlich und spielt auch nicht übel, halt so wie man in  Soaps zu spielen hat. Sie verkörpert nur leider nicht überzeugend die Traudel Junge, eine Frau, die zwar nicht das Ausmaß der Verbrechen wusste, aber sehr wohl zunehmend erkannte, welcher Abgrund an menschlicher Verkommenheit und Niedertracht ihr da mit Hitler begegnet war.
Über den gefährlichsten Mann hinter Hitler, Martin Bormann, den schrecklichen Drahtzieher der letzten Tage, wird kein Wort verloren. Ebenso kein Wort über den Holocaust und seine Initiatoren. Auch Goebbels, der Einpeitscher und Chefideologe, verkommt zur hohläugigen, bedeutungslosen Karikatur. Daran ändert auch der Mord seiner Frau an den Kindern gar nichts. Blasse einfallslos angelegte Figuren, die den „Untergang“ zum bloßen Historienschinken 
verkommen lassen hätten, wäre da nicht Bruno Ganz. Er spielt den späten Hitler wie er in seinen letzten Tagen wohl wirklich war. Ein ewig kreischender, oft auch weinerlicher, aber nach wie vor grauenvoller Mensch, der immer weiter lügend, mordend und dabei kuchenfressend die Welt oder das was er noch von ihr übrig gelassen hat, heimsucht. Bis die Bestie endlich, endlich hinüber ist. 
Der Untergang ist kein bedeutender Film, weil er lediglich den Untergang eines Menschen aufzeigt, der Schreckliches getan hat. Die Schrecken aber, die Hitler erst ermöglichten, die er zum Teil sogar noch heute verbreitet, die Hintergründe, und ihre Wirkungen auf die ganze Welt werden kaum erwähnt. 
Einen Oskar für „Der Untergang“?
Für Bruno Ganz bestimmt. Daneben aber ist nicht all zu viel.

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